
200 Gräber pro Nacht: Der unspektakuläre Fall für Robotik in der Grünpflege
Auf dem Waldfriedhof Schwabach gießt ein Roboter die Gräber einer Friedhofsgärtnerei — nachts, aus einem 215-Liter-Tank, an Tankstellen, die die Gärtnerei vorher setzen musste. Kein Mähroboter, kein Rasen, kein Prospektmotiv. Genau deshalb funktioniert es.
Die Robotik in der Grünpflege hat ein Lieblingsmotiv, den Mähroboter auf dem Fairway, und ein Problem: Die Arbeit, die in einer Friedhofsgärtnerei im Juli wirklich fehlt, ist keine Mäharbeit. Es ist das Gießen. Jeden zweiten Tag, bei Hitze täglich, vor Öffnung des Friedhofs, mit der Kanne oder dem Schlauch, für Gräber, deren Pflege die Gärtnerei per Vertrag übernommen hat. Seit 2020 gibt es für genau diese Runde eine Maschine, und seit 2023 ist dokumentiert, wie sie auf einem bayerischen Waldfriedhof arbeitet. Der Fall ist unspektakulär, und er ist der bessere Beleg dafür, wo autonome Grünpflege heute trägt, als jedes Mähvideo.
Key Takeaways
- 1Der Gießroboter Rainos von Innok Robotics aus Regenstauf war im April 2023 für die Friedhofsgärtnerei Blumen Schwarz auf dem Waldfriedhof Schwabach im Einsatz (VDI nachrichten, 14. April 2023); im Dezember 2023 nannte der Hersteller über 80 Roboter im Einsatz.
- 2Die Kennzahlen: 215-Liter-Tank, bis zu 200 Gräber je Nachtschicht, rund 14 Stunden Akkulaufzeit, maximal 3,2 km/h, 165 Kilogramm leer, etwa drei Stunden Ladezeit am Tag.
- 3Die Gärtnerei wählt die zu gießenden Gräber auf einer Karte aus, die der Hersteller bei der Ersteinrichtung anlegt, mit Menge und Gießmuster je Grab; die Route plant der Roboter. Die Karte ist damit ein Asset der Gärtnerei, nicht des Roboters.
- 4Ist der Tank leer, fährt der Roboter eine Tankstelle an — und Tankstellen sind Wasseranschlüsse, die über den Friedhof verteilt sein müssen. Das Tankstellennetz ist die Vorleistung des Betreibers, nicht des Herstellers.
- 5Wirtschaftlich laut VDI nachrichten: rund 80.000 Euro Anschaffung, bis zu 25.000 Euro eingesparte Personalkosten im Jahr, Amortisation in etwa drei Jahren; der Hersteller nennt eine Wirtschaftlichkeit ab etwa 215 Gräbern.
- 6Nachts zu gießen spart nach Herstellerangabe bis zu 15 Prozent Wasser gegenüber dem Gießen am Tag — und es löst die Frage nach dem Publikumsverkehr, ohne dass jemand sie stellen muss.
Die Runde, die jeden zweiten Tag anfällt
Eine Friedhofsgärtnerei lebt von Dauergrabpflegeverträgen: Angehörige, die nicht mehr am Ort wohnen oder nicht mehr können, bezahlen dafür, dass ein Grab bepflanzt, gepflegt und gegossen wird. Das Gießen ist der Teil, der sich nicht verschieben lässt. Im Sommer fällt er jeden zweiten Tag an, in Hitzeperioden täglich, und er fällt vor der Öffnung des Friedhofs an, weil niemand mit dem Schlauch zwischen Trauernden arbeiten will.
Heino Schwarz, Inhaber von Blumen Schwarz in Schwabach, hat das gegenüber VDI nachrichten so beschrieben: Das Gießen von Hand sei in den heißen Sommern zunehmend zur Herausforderung geworden. Das ist die ganze Ausgangslage. Keine Vision, kein Fachkräftemangel-Chart, sondern eine Arbeit, die in den Wochen mit dem größten Bedarf am wenigsten Leute findet, weil sie um fünf Uhr morgens beginnt.
Es ist auch die Arbeit, die ein Mähroboter nicht erledigt. Zwischen Grabreihen wird wenig gemäht und viel getragen: Wasser, in Kannen, über Kieswege. Wer Robotik auf dem Friedhof denkt, muss deshalb bei der Kanne anfangen, nicht beim Rasen.
Was die Maschine tut, und was vorher jemand tun muss
Rainos ist ein Radfahrzeug mit einem 215-Liter-Wassertank, 165 Kilogramm leer, 111 Zentimeter hoch, maximal 3,2 km/h schnell. Der Hersteller Innok Robotics aus Regenstauf bei Regensburg hat ihn nach eigener Darstellung auf Anregung von Friedhofsgärtnern gebaut; über 80 Stück waren nach Angaben vom Dezember 2023 im Einsatz, vor allem im deutschsprachigen Raum.
Der Ablauf ist einfacher, als das Wort autonom vermuten lässt. Bei der Ersteinrichtung legt der Hersteller eine Karte des Friedhofs an. Auf dieser Karte wählt die Gärtnerei im Browser die Gräber aus, die gegossen werden sollen, und legt je Grab Wassermenge und Gießmuster fest. Den Weg dorthin plant der Roboter selbst. Er fährt nachts, weil dann niemand auf den Wegen ist, und er ist leise genug, dass das keine Rolle spielen würde.
Ist der Tank leer, fährt er eine Tankstelle an, füllt selbstständig nach und setzt die Runde fort. Nach Herstellerangabe schafft er so bis zu 200 Gräber in einer Nacht; die Akkulaufzeit wird mit rund 14 Stunden angegeben, die Ladezeit mit etwa drei Stunden am Tag.
Der Satz mit der Tankstelle ist der, an dem ein Projekt hängt, und er wird in Berichten meist als Nebensatz behandelt. Eine Tankstelle ist ein Wasseranschluss mit einer Andockposition, die der Roboter nachts ohne Hilfe findet. Sie muss dort stehen, wo die Runde vorbeikommt, und zwar in Abständen, die zum Tank passen. Wer 200 Gräber gießen will, plant also zuerst ein Netz von Wasserpunkten über den Friedhof — und das ist eine Arbeit der Gärtnerei und der Friedhofsverwaltung, nicht des Herstellers. Ähnlich wie beim Laden einer Roboterflotte im Gebäude ist die Versorgungsinfrastruktur der Teil, der vor dem Roboter fertig sein muss.
Die Zahl, die man nicht in den Plan schreiben sollte
In der Fachpresse wird zu Rainos eine Leistung von bis zu 20.000 Litern pro Nacht genannt. Die Zahl ist eine Herstellerobergrenze, und sie taugt nicht zur Planung, weil ein einfacher Blick auf den Tank sie einordnet: 20.000 Liter aus einem 215-Liter-Tank sind über neunzig Tankstopps in einer Nacht. Wer diese Menge tatsächlich ausbringen will, plant nicht einen Roboter, sondern ein Tankstellennetz, das alle paar Minuten erreichbar ist.
Die Zahl, mit der eine Gärtnerei rechnet, ist deshalb die andere: bis zu 200 Gräber pro Nacht, bei den Wassermengen, die je Grab hinterlegt sind, mit den Tankstopps, die das Netz hergibt. Daraus ergibt sich, wie viele Nächte ein Bestand braucht, und daraus, ob ein Roboter reicht. Der Weg zur Zahl führt über die Karte und über den Grundriss des Friedhofs — nicht über das Datenblatt.
Das ist kein Vorwurf an den Hersteller. Es ist dasselbe Muster wie bei jeder Maschine, deren Prospektzahl unter idealen Bedingungen gemessen ist: Die nützliche Zahl ist die, die an der Versorgung hängt. Wie das bei Drohnenstationen aussieht, deren Startzeit im Prospekt steht und deren Ladezyklus den Tag bestimmt, beschreibt der Beitrag zur Drone-in-a-Box.
Die Karte gehört der Gärtnerei
Die Karte, die bei der Ersteinrichtung entsteht, ist mehr als eine Navigationsgrundlage. Sie enthält, welche Gräber gegossen werden, wie viel und wie — also den Kern des Dauergrabpflegevertrags in maschinenlesbarer Form. Kommt ein Vertrag hinzu, wird ein Grab auf der Karte aktiviert. Läuft einer aus, wird es deaktiviert. Ändert die Friedhofsverwaltung einen Weg, ändert sich die Route.
Deshalb sollte vor der Inbetriebnahme geklärt sein, was oft erst danach auffällt: Wer die Karte pflegt, wer eine Kopie hat, was passiert, wenn der Hersteller nicht mehr erreichbar ist, und ob die Gärtnerei Gräber selbst hinzufügen kann oder dafür einen Servicetermin braucht. Das ist keine Frage an Rainos im Besonderen, sondern an jeden Roboter, dessen Wissen über den Standort in einer Datei liegt — der Beitrag zu Roboter-Markern beschreibt denselben Punkt für Inspektionsroboter im Gebäude. Auf dem Friedhof ist die Datei zusätzlich eine Kundenliste.
Die Rechnung einer Gärtnerei
VDI nachrichten hat im April 2023 die Größenordnungen genannt: rund 80.000 Euro Anschaffung, bis zu 25.000 Euro eingesparte Personalkosten im Jahr, Amortisation in etwa drei Jahren. Der Hersteller nennt eine Wirtschaftlichkeit ab etwa 215 Gräbern.
Die Zahlen sind Angaben des Herstellers und des Betreibers, keine unabhängige Kostenrechnung, und so sollten sie gelesen werden. Was sich unabhängig davon sagen lässt, ist die Struktur der Rechnung, und die unterscheidet sich von der eines Mähroboters an einem Punkt: Eine Friedhofsgärtnerei verkauft die Gießleistung. Der Dauergrabpflegevertrag hat einen Preis, und die Gießrunde ist ein Kostenblock darin. Ein Roboter, der die Runde übernimmt, senkt also nicht nur Kosten, er macht Verträge annehmbar, die die Gärtnerei mangels Personal sonst ablehnen müsste. Die 25.000 Euro beschreiben die eine Seite; die andere ist die Zahl der Gräber, die man wieder annehmen kann.
Der Wasserverbrauch ist der dritte Posten. Der Hersteller gibt an, dass das gezielte nächtliche Gießen bis zu 15 Prozent Wasser gegenüber dem Gießen am Tag spart — weniger Verdunstung, feste Mengen je Grab. Auf einem Friedhof, dessen Wasser die Gärtnerei bezahlt, ist das keine Nebenwirkung.
Warum gerade diese Aufgabe, und nicht das Mähen
Es lohnt sich, kurz festzuhalten, warum die Gießrunde für einen Roboter geeignet ist, wo das Mähen auf dem Friedhof es meist nicht ist.
- Die Runde ist fest. Dieselben Gräber, dieselben Wege, jeden zweiten Tag. Nichts muss erkannt werden, alles steht auf der Karte.
- Die Wege sind Wege. Ein Friedhof hat befestigte Pfade zwischen den Reihen, und die Maschine bleibt darauf. Sie fährt nicht über Gräber und nicht über Rasenkanten.
- Die Zeit ist die Nacht. Der Friedhof ist geschlossen, die Wege sind leer. Die schwierigste Frage der Servicerobotik — was passiert bei Begegnung mit Menschen — stellt sich nicht, weil keine stattfinden.
- Das Produkt ist messbar. Ein Grab ist gegossen oder nicht, mit der hinterlegten Menge. Es gibt keine Diskussion über Schnittbild.
Das Mähen zwischen Gräbern hat keine dieser Eigenschaften: unregelmäßige Flächen, Kanten an jedem Stein, Publikum am Tag. Dass die Grünpflege-Robotik vom Golfplatz her gedacht wird, hat ihr auf dem Friedhof deshalb wenig genützt. Der Fall, der trägt, ist der langweilige.
Grenzen: eine Gärtnerei, ein Hersteller, Herstellerzahlen
Drei Einschränkungen.
Es ist ein dokumentierter Standort. Der Waldfriedhof Schwabach ist der Fall, der mit Namen, Betreiber und Zahlen in der Fachpresse steht. Der Hersteller nennt über 80 Roboter im Einsatz, aber die übrigen Standorte sind nicht in derselben Weise beschrieben. Wer die Übertragbarkeit auf den eigenen Friedhof prüfen will, prüft Wege, Wasserpunkte und Grabzahl vor Ort und nicht die Referenzliste.
Es ist ein Hersteller. Uns ist kein zweites in Serie gebautes Gerät für diese Aufgabe bekannt. Das ist für die Auswahl bequem und für die Abhängigkeit unbequem; die Frage nach Kopie der Karte, Ersatzteilen und Serviceweg gehört deshalb vor die Unterschrift und nicht danach. Was ein Betreiber tut, wenn ein Roboterhersteller ausfällt, steht im Betreiber-Leitfaden zum Herstellerausfall.
Die Leistungs- und Wirtschaftlichkeitszahlen stammen vom Hersteller und vom Betreiber. 200 Gräber, 14 Stunden, 15 Prozent Wasser, 25.000 Euro — keine dieser Zahlen ist von einer dritten Stelle gemessen worden. Sie sind konsistent zwischen mehreren Veröffentlichungen, und sie sind plausibel; sie sind aber Angaben, keine Befunde. Die Planung sollte auf den eigenen Grabzahlen aufsetzen und die Herstellerwerte als Obergrenze führen.
FAQ
- Gibt es einen Roboter, der Gräber gießt?
- Ja. Rainos von Innok Robotics aus Regenstauf ist ein autonomer Gießroboter für Friedhöfe mit 215-Liter-Tank, der nachts die auf einer Karte ausgewählten Gräber anfährt und an Tankstellen selbstständig nachfüllt. Dokumentiert ist der Einsatz für die Friedhofsgärtnerei Blumen Schwarz auf dem Waldfriedhof Schwabach.
- Wie viele Gräber schafft der Roboter in einer Nacht?
- Nach Herstellerangabe bis zu 200 Gräber je Nachtschicht bei rund 14 Stunden Akkulaufzeit. Die tatsächliche Zahl hängt von den je Grab hinterlegten Wassermengen und davon ab, wie dicht die Tankstellen entlang der Runde stehen.
- Was muss der Friedhof für den Roboter vorbereiten?
- Ein Netz von Tankstellen, also Wasseranschlüsse mit Andockposition, in Abständen, die zum 215-Liter-Tank passen, sowie einen Ladeplatz. Die Karte des Friedhofs legt der Hersteller bei der Ersteinrichtung an; die Gärtnerei pflegt darauf die Gräber und Mengen.
- Was kostet ein Gießroboter und wann rechnet er sich?
- VDI nachrichten nannte im April 2023 rund 80.000 Euro Anschaffung, bis zu 25.000 Euro eingesparte Personalkosten im Jahr und eine Amortisation in etwa drei Jahren. Der Hersteller gibt eine Wirtschaftlichkeit ab etwa 215 Gräbern an. Es sind Hersteller- und Betreiberangaben, keine unabhängige Rechnung.
- Warum eignet sich das Gießen besser für Roboter als das Mähen auf dem Friedhof?
- Weil die Runde fest ist, die Maschine auf befestigten Wegen bleibt, nachts bei geschlossenem Friedhof fährt und das Ergebnis eindeutig ist: Ein Grab ist mit der hinterlegten Menge gegossen oder nicht. Das Mähen zwischen Gräbern hat keine dieser Eigenschaften.
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